Eizellen einfrieren – Zwischen Aufbruch und Eiszeit

Warum Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen, was das mit dem Patriarchat zu tun hat und welche Fragen dabei komplett unter den Tisch fallen. Spoiler: Es geht mal wieder um Kontrolle, Geld und die ewige Frage – warum eigentlich nur wir?

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Es fühlt sich empowernd an – aber warum ist es so unangenehm darüber zu reden?

Stell dir vor: Eine Bekannte kommt zu spät zum Treffen. "Sorry, beim Arzt hat's länger gedauert." Eigentlich eine normale Situation. Aber dann wird's persönlich: Sie erzählt, dass sie gerade ihre Eizellen einfrieren lässt – ein Thema, über das sie lernen möchte, offener zu sprechen, aber das ihr trotzdem schwerfällt.

Und genau dieser Zwiespalt ist interessant: Warum fühlt sich die Entscheidung einerseits empowernd an, aber andererseits ist es so unangenehm, darüber zu reden? Warum müssen wir über sowas überhaupt nachdenken? Und warum – surprise, surprise – ist das mal wieder hauptsächlich unser Problem?

Die Zahlen: Wir werden älter beim ersten Kind

2014 waren Mütter im Durchschnitt 31,8 Jahre alt bei ihrem ersten Kind, Väter 34,7 Jahre. Wir werden alle älter, wenn wir Eltern werden – das ist Fakt. Und ja, das bedeutet auch, dass es biologisch nicht mehr ganz so einfach funktioniert wie mit Anfang 20.

Interessanter Fun Fact am Rande: 20% der Frauen in Deutschland sind kinderlos. Wie viele Männer kinderlos sind? Keine Ahnung. Diese Zahlen werden nämlich nicht erhoben.

Liegt das vielleicht daran, dass so viele Männer sich weigern, mit Kondomen zu verhüten, und deshalb gar nicht wissen, ob sie irgendwo auf der Welt vielleicht doch mal jemanden geschwängert haben? Oder woran könnte das sonst liegen? Ach ja, richtig: Am Patriarchat.

Social Freezing vs. Medical Freezing: Was ist der Unterschied?

Bevor wir tiefer einsteigen, ein wichtiger Unterschied:

Medical Freezing: Aus medizinischen Gründen – etwa vor einer Krebstherapie, bei Endometriose oder anderen Erkrankungen – lassen Frauen ihre Eizellen einfrieren, weil sie sonst auf natürlichem Weg keine Kinder mehr bekommen könnten.

Social Freezing: Aus sozialen Gründen – weil die Karriere noch nicht passt, der richtige Partner fehlt oder man einfach noch nicht bereit ist – werden Eizellen für später konserviert.

Beide Varianten haben eines gemeinsam: Sie sind teuer, körperlich belastend und gesellschaftlich noch immer ein Tabu-Thema.

IVF – Was ist das eigentlich?

IVF steht für In-vitro-Fertilisation – also Befruchtung im Reagenzglas. Dabei werden der Frau reife Eizellen entnommen und in eine Nährlösung gegeben. Dort findet dann die Befruchtung mit den Samenzellen statt.

In Deutschland dürfen pro Zyklus maximal 3 befruchtete Eizellen eingesetzt werden. Das Geschlecht des Kindes ist dabei nicht wählbar (was manche enttäuschen wird, aber hey – es geht hier um ein Baby, nicht um einen Wunschzettel).

Übrigens: Man kann auch nur Spermien einfrieren lassen, Eierstock- oder Hodengewebe – besonders bei jungen Menschen wird oft nicht nur die einzelne Zelle, sondern mehr Gewebe konserviert.

Der Prozess: Hormone, Kosten und körperliche Belastung

Eizellen einfrieren zu lassen ist kein Spaziergang. Der Prozess beinhaltet:

1. Hormonbehandlung: Um mehrere Eizellen reifen zu lassen, muss sich die Frau Hormone spritzen. Das ist körperlich belastend und kann Nebenwirkungen haben.

2. Entnahme: Die reifen Eizellen werden unter Narkose entnommen.

3. Lagerung: Die Eizellen werden eingefroren und gelagert – was laufende Kosten verursacht.

4. Spätere Verwendung: Wenn die Eizellen später verwendet werden sollen, braucht es eine weitere Hormonbehandlung, um die Gebärmutter vorzubereiten.

Das alles kostet mehrere tausend Euro – und wird nur in bestimmten Fällen von der Krankenkasse bezuschusst (mehr dazu gleich).

Warum Frauen sich für Social Freezing entscheiden

Die Gründe sind vielfältig, aber zwei stechen besonders heraus:

1. Der Job: Karriere und Kinder unter einen Hut zu bekommen ist in unserem System nach wie vor schwierig – besonders für Frauen. Elternzeit? Karriereknick. Teilzeit? Weniger Geld, weniger Aufstiegschancen. Viele Frauen entscheiden sich deshalb, erst mal die Karriere aufzubauen und die Familienplanung nach hinten zu schieben.

2. Der fehlende Partner: Viele Frauen wollen Kinder – aber eben nicht mit irgendjemand. Sie warten auf eine gleichberechtigte Beziehung, auf einen Partner, der wirklich Partner ist und nicht nur "hilft". Und solche Männer sind (überraschung!) rar.

Die systemischen Probleme: Warum ist das überhaupt nötig?

Hier wird's richtig frustrierend: Frauen müssen Social Freezing machen, weil unser System es ihnen nicht ermöglicht, Karriere und Familie früher zu vereinbaren.

Statt an den wirklichen Stellschrauben zu drehen – bessere Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitsmodelle, echte Gleichberechtigung in Beziehungen – wird Frauen gesagt: "Mach doch einfach Social Freezing, dann kannst du dich später drum kümmern."

Das ist, als würde man jemandem mit gebrochenem Bein sagen: "Nimm halt Schmerzmittel" – statt das Bein zu richten.

Die rechtliche Lage: Wer bekommt Zuschüsse?

Hier wird's richtig absurd: IVF kann als verheiratetes Paar bezuschusst werden – aber nicht, wenn ihr nicht verheiratet seid. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil der Staat immer noch an der Vorstellung festhält, dass nur verheiratete Paare "richtige" Familien gründen sollten.

Und noch absurder: Wenn du als Single schwanger werden möchtest (Solo-Parenting), musst du beim Notar eine Vertrauensperson angeben. Aber wenn du nach einem One-Night-Stand schwanger wirst? Kein Problem, den Vater musst du nicht in die Verantwortung ziehen.

Dein Ernst?!

Die Doppelmoral: Samenspende ja, Eizellspende nein?

Männer dürfen in Deutschland Samen spenden – und werden dafür sogar bezahlt. Frauen dürfen ihre Eizellen nicht spenden (außer in wenigen Ausnahmefällen).

Die Begründung? Frauen könnten "finanziell ausgenutzt" werden. Ach ja? Und Männer etwa nicht? Oder liegt's vielleicht daran, dass beim Vater egal ist, ob er der biologische oder soziale Vater ist – aber bei Müttern wird akribisch unterschieden zwischen genetischer und austragender Mutter?

Spoiler: Es ist Kontrolle. Es geht darum, wer über weibliche Körper bestimmen darf. Und das sind – surprise – meistens nicht wir selbst.

Was können wir tun?

Erstens: Redet darüber! Je mehr wir über diese Themen sprechen, desto weniger schambesetzt werden sie.

Zweitens: Fordert strukturelle Veränderungen! Bessere Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitsmodelle, echte Elternzeit für alle Geschlechter.

Drittens: Sucht euch gleichberechtigte Partner! Ja, wir müssen Männer erziehen, die Frauen als gleichberechtigt ansehen und Care-Arbeit wirklich teilen. Aber das ist nicht allein unsere Aufgabe – liebe zuhörende Männer, ihr seid auch gefragt!

Unsere Fragen ans Patriarchat

Zum Abschluss haben wir ein paar Fragen, auf die wir gerne Antworten hätten:

1. Warum dürfen Männer Samen spenden, aber Frauen nicht ihre Eizellen? Warum können Männer dadurch nicht "finanziell ausgenutzt" werden, aber Frauen schon?

2. Warum ist es ein Problem, wenn bei Frauen die genetische und die austragende Mutter nicht dieselbe sind – aber beim Vater ist es egal, ob er der biologische oder soziale Vater ist?

3. Warum muss ich fürs Solo-Parenting beim Notar eine Vertrauensperson angeben, aber wenn ich bei einem One-Night-Stand schwanger werde, muss ich den Vater nicht in Verantwortung ziehen?

4. Warum kann die IVF als verheiratetes Paar bezuschusst werden, aber nicht, wenn wir nicht verheiratet sind?

5. Warum werden Ehepaare, die auf natürlichem Wege Kinder bekommen, nicht genauso krass überprüft wie Paare, die auf IVF zurückgreifen?

Das Patriarchat darf sich gerne bei uns melden – via Instagram unter @podcast.deinernst oder per Mail an podcast.dein.ernst@gmail.com.

Wir freuen uns auf die Antworten. In der Tat.

Adios und bleibt kritisch!

Eine Produktion von "Dein Ernst?!" – Alltagsgeschichten im Patriarchat

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